-- 1 --
Die Klingel zerriss die Stille, und Dutzende Türen flogen krachend auf. Im Flur des dritten Stocks vermischten sich die Düfte von teuren Parfüms und Desinfektionsmitteln. Lärm, Gelächter, Rufe – eine menschliche Flut ergoss sich über den Raum. Gummisohlen quietschten auf dem polierten Mosaikboden und verklangen zur Haupttreppe hin. Die Schüler strömten nach draußen. Im privaten Lyzeum „Galileo“ war der Schultag zu Ende.
Aber Martin blieb. Er verließ als Letzter das Klassenzimmer und schlug die entgegengesetzte Richtung zur Treppe ein. Er ging langsam an der verglasten Fassade entlang, die Hände tief in den Taschen seiner voluminösen Jacke vergraben. Seine Schultern spannten sich unter einer unsichtbaren Anspannung, sein Körper versank im künstlichen Stoff. Unwillkürlich ballten sich seine Fäuste.
Die Leuchtstoffröhren surrten monoton über einer Reihe grauer Metallspinde. Sein Blick glitt über die geschlossenen Türen und blieb am Ende des Flurs hängen.
Assen wartete dort. Er lehnte in einer unnatürlichen, verrenkten Haltung gegen das kalte Metall. Seine Haut war fahl, schmerzhaft über die Wangenknochen gespannt. Tiefe, dunkelblaue Ringe umgaben seine Augen. Unter dem linken Augenlid schimmerte ein gelbliches Hämatom. Sein rechtes Bein zuckte rhythmisch.
Er hatte das Gesicht eines erschöpften Mannes, montiert auf den Rahmen eines fünfzehnjährigen Jungen.
Martin näherte sich. Er hob das Kinn und versuchte zu lächeln, doch Assen erwiderte es nicht.
Die Augen des Jungen glühten in fieberhafter, unnatürlicher Schärfe. Assen löste sich von den Spinden, griff in seinen schwarzen Rucksack und zog einen kleinen Gegenstand hervor. Seine Finger zuckten. Er drückte die Hand gegen seine Hüfte, verharrte einen Moment so und streckte ihm dann die geöffnete Handfläche entgegen.
„Nimm ihn.“
Martin zog die Hand aus der Tasche und nahm den Gegenstand entgegen. Kühles, glänzendes Plastik. Er ähnelte einem billigen Sammler-Key für digitale Inhalte mit einem abgeriebenen Barcode auf der Rückseite.
„Wie versprochen. Der Code für den Mod. Ihre Server sind verschlüsselt, aber darin ist ein Patch, der den Schutz umgeht. Ich habe dir ein Video mit einer Installationsanleitung aufgenommen.“
Assen stieß die Worte hastig hervor. Sein Blick erfasste den leeren Flur hinter Martins Rücken.
Martin lächelte breit. Er fuhr mit dem Daumen über die scharfe Plastikkante.
„Aber …“ Assen senkte die Stimme. „Du öffnest ihn erst zu Hause. Nie hier. Niemals im Netzwerk des Lyzeums. Dein Account darf keine Administratorrechte haben. Hast du mich verstanden?“
Martin nickte. Er hatte sich monatelang danach gesehnt. Er schob den Key tief in die rechte Jackentasche; der Metallreißverschluss kratzte über sein Handgelenk.
Er hob den Kopf.
Assens Maske begann zu bröckeln. Einstudierte Kälte, einstudierte Anweisungen – alles brach für einen Augenblick in sich zusammen, und darunter klaffte etwas Nacktes und Verzweifeltes. Als stünde er auf einem Bahnsteig und sähe zu, wie der Zug mit dem einzigen ihm nahestehenden Menschen davonfuhr. Er verabschiedete sich.
Martins Magen zog sich zusammen. Der Flur wurde kalt. Ihm schnürte es die Kehle zu.
„Assen? Was … fährst du schon wieder weg? Ich …“
„Wenn ich nächste Woche nicht komme“, unterbrach ihn Assen. Seine Stimme überschlug sich, brach, verlor ihre trügerische Festigkeit. „Wenn ich nicht in der Kantine auftauche … geh nicht zur Polizei. Hast du mich gehört?“
Das Summen der Leuchtstoffröhren füllte die Pause.
Martin erstarrte.
Verdammt, wovon redet er? Warum bringt er die Polizei ins Spiel?
„Sie sind auf ihrer Seite. Alle sind auf ihrer Seite.“ Assen trat einen Schritt vor. „Ruf deinen Onkel an. Den in der Schweiz. Du hast mir von ihm erzählt. Nur ihn.“
Martin öffnete den Mund, aber es fielen ihm keine Worte ein. Seine Finger krallten sich schmerzhaft in den Plastik-Key. Bevor er irgendetwas erwidern konnte, drehte sich Assen schroff um. Der Rucksack schlug gegen seine Hüfte. Die dicken Sohlen quietschten auf dem Linoleum, und er schritt den Flur hinab. Er blickte nicht zurück. Seine Silhouette verschwamm hinter den Glastüren des Treppenhauses.
Ein metallisches Klicken hallte aus dem unteren Stockwerk herauf und verklang. Die Stille des verlassenen Lyzeums legte sich schwer auf den Jungen. Seine rechte Faust umklammerte das Plastik so fest, dass sich die Kanten in seine Haut gruben.
Viel zu seltsam … selbst für Assen.
Das blaue Flimmern des Fernsehers im leeren Wohnzimmer zerfetzte die Dämmerung des Freitagabends. Borjana schleppte einen riesigen schwarzen Koffer durch den Flur, hielt nach jedem Schritt inne und stürzte zurück, um den nächsten vergessenen Gegenstand zu holen. Ihr Haar, mit einer Spange hastig zusammengesteckt, fiel in widerspenstigen Strähnen herab. Sie trug ihren Jogginganzug – den grauen mit dem Kaffeefleck am Knie, den sie vor fremden Blicken verbarg.
„Marti, hast du das Ladegerät für den Laptop gesehen?“
Martin richtete sich auf dem Sofa auf und spähte hinter den Fernseher. Das Kabel hing aus der Steckdose, halb verdeckt von der Halterung.
„Hier ist es.“
Borjana riss es an sich und stopfte es in die Seitentasche des Koffers. Sie hielt für einen Moment inne, pustete sich die Strähne aus dem Gesicht und sah sich mit hängenden Schultern um.
„Also Prag, dann Düsseldorf und Lyon“, begann sie an den Fingern abzuzählen. „Wenn sie mich in Lyon länger als zwei Tage aufhalten, rufe ich dich an. Im Kühlschrank wartet Essen auf dich. Das Geld für die Woche liegt im Umschlag auf dem Regal bei den Schuhen.“
„Mama, ich weiß.“
„Du weißt, du weißt“, lächelte sie. „Du weißt auch, wann du ins Bett gehen musst, und wie man etwas anderes isst als Chips.“
Martin zuckte mit den Schultern. Sie fasste ihn am Ellbogen und zog ihn zu sich heran.
Sie umarmten sich kurz und fest. Er roch den Duft von Weichspüler und dem Parfum, das sie nur für Reisen aufbewahrte. Ihre Lippen streiften kaum seine Schläfe.
„Ich versuche anzurufen. Wenn es klappt – mittags, aber abends sicher … ich schreibe dir über Viber … okay?“
„Gut. Ich bin kein Baby. Keine Sorge.“
Sie ließ seinen Arm los und widmete sich dem Koffer. Martin sank zurück ins Sofa. Seine Finger kramten das Telefon zwischen den Kissen hervor und glitten über das Display. Nichts von Assen. Die letzte Nachricht im Chat – ein Daumen-hoch-Emoji nach den Chemieübungen – stand dort seit letztem Mittwoch. Seitdem herrschte völlige Stille.
Morgen teste ich die Modifikation.
Der Gedanke durchquerte sein Bewusstsein und verpuffte. Der Polymerschlüssel lag in der Tasche seiner Jacke, die im Flur hing. Er hatte ihn seit ihrem Treffen vor den Spinden nicht mehr berührt.
Borjana zog den Koffer bis zur Türschwelle und kehrte zurück, um die Fenster in der Küche ein letztes Mal zu überprüfen. Bis ins Wohnzimmer drang ihr Gemurmel über das überladene Gepäck. Martin zog die Knie an die Brust und drückte das Kissen an sich. Der Bildschirm des Fernsehers flutete den Raum mit bläulichem Licht. Die Moderatorin der Abendsendung lachte über die Bemerkung von irgendjemandem.
Die Lichtreflexe zitterten an der Decke. Er wünschte sich, der Abend würde einfrieren und nie enden.
Der Samstag begann mit Nachdruck – Borjana bestand darauf, den Tag vor ihrem Sonntagsflug gemeinsam zu verbringen. Sie entschied sich für das Einkaufszentrum „Paradise Mall“.
In einem Schnellrestaurant mit Plastikstühlen, einer langen Warteschlange und dem ständigen Hintergrundlärm von Kindergeschrei bestellte sie einen Salat, rezitierte die Kalorienzahl aus der Speisekarte und stibitzte anschließend drei Pommes frites von Martins Teller. Sie tat so, als wäre nichts geschehen. Er reagierte nicht darauf, sondern lächelte nur hinter seinem Cola-Becher.
Mitten beim Mittagessen hob Borjana den Blick, sah über seine Schulter hinweg und verstummte. Nur für einen kurzen Augenblick. Ihre Gabel verharrte über dem Teller, dann setzte sie die Bewegung fort. Ihr Gesichtsausdruck blieb steinern, doch ihr Blick schärfte sich – wie ein Kameraobjektiv, das scharfstellt.
„Mama?“
„Nichts.“ Sie griff nach ihrem Glas. „Ich dachte, ich hätte eine Kollegin gesehen. Sie ist es aber doch nicht.“
Sie wandte sich wieder ihrem Essen zu und lächelte. Dieses Lächeln hielt eine Sekunde länger an, als es nötig gewesen wäre.
Martin blickte über seine Schulter. An den Tischen hinter ihm saßen die üblichen Leute – Familien, Pärchen, ein alter Mann mit einem einsamen Espresso. Niemand beobachtete sie.
Nach dem langweiligen Film biss ihnen die eiskalte Januarluft in die Wangen. Sofia glänzte – nasser Asphalt, gelbes Scheinwerferlicht und zum Stillstand gekommene Autokolonnen vor den Ampeln. Borjana hakte sich auf dem Weg zur U-Bahn bei ihm unter. Sie erzählte vom Werk in Prag und von einem neuen Abfüllprotokoll, das sie persönlich überprüfen musste. Martin hörte zu, nickte und beobachtete die weißen Wölkchen seines Atems. Seine Mutter ging dichter neben ihm als sonst. Ihre Schulter berührte fast die seine.
Auf dem kleinen Vorplatz vor dem Eingang ihres Wohnblocks wandte sich Borjana um:
„Kommst du klar, Marti?“
„Mama. Ich bin fünfzehn.“
„Genau deshalb frage ich.“
Sie hielt seinen Blick etwas länger als gewöhnlich fest, gab ihm dann einen leichten Stupser gegen die Schulter, und sie gingen hinein.
Am Sonntagmorgen erwachte Martin vom Klicken der Wohnungstür, die ins Schloss fiel. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und lauschte den verhallenden Schritten auf dem Treppenabsatz, dem dumpfen Poltern des Koffers auf den Stufen und schließlich – der Stille. Die Wanduhr zeigte 5:47 Uhr.
Die Wohnung war verwaist. Er spürte es, noch bevor er die Augen öffnete – die Luft veränderte ihre Dichte, sobald er allein war. Sie kühlte ab. Verstummte.
Er stand auf und ging barfuß in die Küche. Er schaltete den Wasserkocher ein. Während er darauf wartete, dass das Wasser aufkochte, stellte er sich ans Fenster und blickte auf die gegenüberliegenden Wohnblöcke. Das Himmelgrau wirkte erdrückt von Wolken, die Schnee verhießen. Die Straßenlaternen kämpften noch gegen den Morgen an.
Der Tee schmeckte bitter – der Beutel hatte zu lange gezogen. Er nahm zwei Schlucke und stellte die Tasse auf die Arbeitsplatte ab. Er nahm das Handy vom Ladegerät. Das Display erwachte mit einer Lawine von Benachrichtigungen zum Leben: dreiundvierzig neue Nachrichten in „8B Diwotii“.
Er runzelte die Stirn. An einem Ruhetag schwieg die Gruppe normalerweise bis zum Mittag. Er öffnete den Chat.
Krassi: He, habt ihr die Nachrichten gesehen?
Krassi: PETROCHAN!
Vanessa: Was ist passiert?
Krassi: DREI LEICHEN!
Vanessa: Hör schon auf, Mann!
Didi: Wartet, ist das nicht in der Nähe der Villa deiner Oma, Krassi? 😭
Krassi: Das ist viel weiter oben.
Moni: Mein Gott!
Krassi: Sie schreiben, es sei eine Mafia-Abrechnung.
Vanessa: Wer ist der Tote?
Krassi: Sagen sie noch nicht, aber es soll irgendein Boss sein.
Goscho: Mein Vater hat ihn beim Frühstück erwähnt und ist sofort verstummt, als er mich sah.
Didi: Schrecklich!
Moni: Ich kann mir so etwas am Morgen nicht ansehen.
Krassi: WARTET, sie haben Drohnenaufnahmen veröffentlicht!
Krassi: Ein niedergebranntes Gebäude im Wald.
Didi: Ist ja wie im Kino, Alter.
Vanessa: Krassi, hör auf, dich für Leichen zu begeistern, das ist eklig.
Krassi: Ich begeistere mich nicht, es ist nur ganz in der NÄHE!
Goscho: Meine Eltern tuscheln schon wieder in der Küche.
Moni: Meine auch.
Didi: Als ob sie etwas wüssten, was im Fernsehen nicht gesagt wird.
Martin scrollte durch die Nachrichten nach oben, dann wieder nach unten. Sein Blick suchte nur nach einem einzigen Namen. Assen hatte sich seit zwei Wochen nicht mehr an der Unterhaltung beteiligt. Niemand fragte nach ihm.
Das war alltäglich. Assen stand stets am Rand, seine Anwesenheit war leise, und sein Fehlen – unbemerkt. Normalerweise schenkte niemand seiner Abwesenheit Beachtung, doch an diesem Morgen wirkte sein Schweigen unheimlich.
Martin sperrte das Handy und legte es mit dem Display nach unten auf die Arbeitsplatte. Seine Hand verweilte einen Moment lang auf dem Gerät.
Nachrichten. Einfach nur Nachrichten. Jeden Tag passiert irgendetwas.
Er wickelte sich dichter in sein Pyjamaoberteil und trat auf den Flur. Am Haken neben dem Spiegel hing seine Winterjacke. Martin griff in die rechte Tasche. Seine Finger ertasteten den glatten Kunststoff des Polymerschlüssels. Er nahm ihn vorsichtig auseinander. Darin fand er ein gevierteltes Stück Papier mit Assens Handschrift – winzige, aneinandergedrängte Buchstaben, nach links geneigt:
„Der Fikus. Der Treppenabsatz zwischen 3 und 4.“
Er hielt den Atem an. Warum ausgerechnet dort? Der Gedanke durchzuckte seinen Verstand kühl, ohne überflüssige Emotion.
Lautlos öffnete er die Wohnungstür. Zwischen dem dritten und vierten Stock war niemand. Der alte Keramikblumentopf versank in der Ecke neben dem Fenster im Staub. Die Blätter des Fikus waren längst vertrocknet. Die Erde war verdichtet und rissig, doch im hinteren Teil zeigten sich Spuren eines frischen Umgrabens.
Aus dem unteren Stockwerk drang ein metallisches Klicken herauf – jemand schloss auf. Martin erstarrte mit ausgestreckter Hand. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Die Schritte entfernten sich jedoch die Treppe hinab und verhallten bald.
Er grub die Finger in die trockene Erde. Seine Nägel kratzten an etwas Hartem. Er holte eine gelbe Plastikkapsel eines Schokoladeneis heraus, fest verschlossen. Darin klapperte eine microSD-Karte. Schwarz. So klein wie ein Fingernagel.
Ich habe dich gefunden.
Er lächelte in Vorfreude auf den Moment, in dem er die neue Mod starten würde. Rasch ebnete er die Erde und stellte den Blumentopf an seinen Platz zurück. Er wischte sich die Hände am Hosenbein seines Pyjamas ab und rannte die Treppe hinauf, das gelbe Ei fest in seiner Hand umklammert.
Der zugeklappte Laptop stand auf dem Schreibtisch. Martin legte das Ei und die Speicherkarte daneben ab, ließ sich auf die Bettkante sinken und starrte sie an. Das Telefon auf dem Nachttisch summte. Noch eine Benachrichtigung aus dem Chat.
Krassi: SIE HABEN NAMEN VERÖFFENTLICHT!
Krassi: Wartet …
Krassi: Nein, sie schreiben, dass sie noch nicht bekannt gegeben werden.
Vanessa: Krassi, hör endlich auf!
Didi: :(
Martin sperrte den Bildschirm, ohne zu antworten. Er stand auf und ging ins Wohnzimmer. Er schnappte sich die Fernbedienung und drückte den Knopf. Das Logo des Nachrichtensenders durchschnitt die Dunkelheit, gefolgt von einem Studio mit zwei Moderatoren. Er drehte den Ton leiser.
„… heute Nacht wurde in der Gegend des Petrochan-Passes ein Massenmord verübt. Drei Leichen wurden in den frühen Morgenstunden von einem Team des Bergrettungsdienstes entdeckt. Die Opfer wurden in einem verlassenen Gebäude etwa zwei Kilometer von der Hauptstraße entfernt gefunden …“
Auf dem Bildschirm wechselten sich Drohnenaufnahmen ab: ein verschneiter Bergpfad, die dunklen Flecken des Nadelwaldes und in der Mitte – eine verkohlte Konstruktion, umgeben von polizeilichem Absperrband. Auf den Trümmern krochen winzige Figuren in weißen Schutzanzügen umher.
„… die Ermittler gehen von organisierter Kriminalität aus. Eine den Ermittlungen nahestehende Quelle brachte den Vorfall mit Ilija Kamenow in Verbindung, der den Behörden unter dem Spitznamen Der Hirte bekannt ist …“
Das Blut wich ihm so plötzlich aus dem Gesicht, dass es an den Rändern seines Blickfeldes schwarz wurde. Seine Finger krallten sich in die Rückenlehne des Sofas.
Ilija Kamenow. Der Hirte.
Assen hatte ihn zweimal erwähnt. Einmal auf dem Hof des Lyzeums, im Halbdunkel, den Blick starr zu Boden gerichtet – er sprach über Klettern und Höhlen. Das zweite Mal in einer Nachricht, die sich fünf मिनिटen nach Erhalt selbst löschte. Beide Male klang seine Stimme ungewohnt fremd.
„… die Polizei bestätigt die Identität der Opfer bislang noch nicht.“
Martin sank auf das Sofa.
Nur nicht Assen. Mein Gott, bitte nicht er.
Seine Hände zitterten. Die Moderatorin redete weiter, aber die Worte zerfielen in bloße Laute. Es blieb nur der trockene, ausdruckslose Tonfall, mit dem Fakten verkündet wurden, die für eine normale Stimme zu ungeheuerlich waren.
Ein neuer Schnitt. Eine Bodenkamera aus der Nähe: niedergebrannte Wände, eingestürzte Balken, im Wind flatternde Polyethylen-Fetzen. Hinter der Absperrung war eine Trage unter einem weißen Laken zu sehen, die von zwei Sanitätern in Richtung Krankenwagen geschoben wurde.
Wenn ich nächste Woche nicht komme. Wenn ich nicht in der Kantine auftauche …
Das Telefon vibrierte erneut. Einmal, zweimal, dreimal. Der Chat lief über. Martin sah nicht hin.
Er wandte den Blick zum Fenster. Der Vorhang war halb zugezogen. Sein Blick suchte unwillkürlich den Parkplatz vor dem Wohnblock. Er wirkte verlassen, wenn man die Autos der Nachbarn nicht mitzählte – den alten Opel von Herrn Todorow und den blauen Golf der Frau aus dem sechsten Stock.
Und der Geländewagen.
Dunkel, massiv, mit getönten Scheiben, abgestellt an der Ecke neben den Müllcontainern. Martin hatte dieses Auto hier noch nie gesehen. Der Motor lief im Leerlauf, und der weißliche Dampf aus dem Auspuff stieg langsam in die kalte Luft auf.
Er schrak heftig vom Glas zurück. Sein Herz pochte ihm in den Schläfen.
… Sie gehören ihnen. Alle gehören ihnen.
Er stand im Schlafanzug mitten im Wohnzimmer, eingeklemmt zwischen dem Fernseher und dem Fenster. Im anderen Zimmer warteten ein Laptop und eine Speicherkarte auf ihn, die nun bleischwer auf ihm lasteten. Unten lauerte der Geländewagen, der sich nicht vom Fleck rührte. In seinem Gedächtnis tauchte jener Blick seiner Mutter im Einkaufszentrum auf – über die Schulter, nur für eine Sekunde, die jedoch viel zu lang war.
Martin kehrte in sein Zimmer zurück und setzte sich auf die Bettkante. Sein Atem ging flach. Er nahm das Telefon von der Bettdecke und öffnete die Kontakte. Die Liste war überschaubar.
Onkel Viktor – Genf.
Jahrelang hatten sich ihre Telefonate auf Weihnachten und Geburtstage beschränkt. Hohle Glückwünsche, Banküberweisungen für die Gebühren am Lyzeum. Er kannte ihn eher von Fotos als von Umarmungen.
Aber Assen hatte ausgerechnet auf ihn verwiesen. Warum?
Martin drückte die grüne Taste. Er wählte die internationale Vorwahl. +41. Das Freizeichen ließ ihm genau Zeit für zwei Atemzüge. Fern. Kalt. Schweizerisch.
Er schloss die Augen und wartete.
Das Aroma von rauchigem Malz verflocht sich mit gedämpftem Jazz. Der Genfersee verschluckte die Lichter der Stadt jenseits des Panoramafensters und verwandelte das Glas in einen schwarzen Spiegel. Sein Spiegelbild gehörte einem dreiundvierzigjährigen Mann, doch die Müdigkeit darin war die eines Fünfzigjährigen. Das Sakko eines strengen Schweizer Anzugs ruhte auf dem Stuhl, doch Viktor Sokolows Weste blieb bis oben hin zugeknöpft.
Sein Zeigefinger drehte das Mausrad. Auf dem Display erstreckte sich ein siebzigseitiger Bericht über Logistikbetrug in Rotterdam – lange Datenspalten, die Aegis Global als zulässiges Defizit abschreiben würde. Das blaue Licht des Monitors betonte die scharfen Linien um seinen Mund. Zahlen bluteten nicht. Sie logen nicht. Sie verrieten keine Kollegen für Geldbündel im Kofferraum eines Dienstwagens.
Das Telefon auf der Glasplatte summte.
Viktor wandte den Blick nicht vom Absatz über die Versicherungsprämien ab. Die Vibration wiederholte sich und verschob den Apparat um einen Millimeter auf der glatten Oberfläche. Er griff danach, drehte das Display um, und seine Augen verengten sich.
Eine bulgarische Nummer. Martin.
Normalerweise beschränkte sich ihre Kommunikation auf floskelhafte Nachrichten zu den Feiertagen und trockene Bestätigungen der überwiesenen Gebühren für das Lyzeum. Der Junge rief nie an.
Viktor glitt mit dem Finger über das Display und nahm das Gespräch an.
„Ich höre.“
Die Leitung rauschte elektronisch, gefolgt von zwei Sekunden Stille.
„Onkel Viktor?“
Die Stimme war heiser und gepresst, als wäre sie stundenlang nicht benutzt worden.
„Ja, Marti. Ich bin’s“, sagte Viktor, trank einen Schluck aus dem Kristallglas, behielt das Malz für einen Moment unter der Zunge und schluckte. „Ist etwas passiert?“
„Nein. Alles ist in Ordnung. Meine Mutter ist auf Dienstreise und...“
Der Satz hing in der Luft. Die Wärme des Alkohols breitete sich in seinem Körper aus, und er richtete seinen Blick wieder auf die Finanzspalten.
„Wie ist das Wetter in Sofia?“
„Kalt.“ Martin schluckte schwer, und das Geräusch hallte deutlich durch das Mikrofon. „In der Schule ist alles normal. Wir lernen für die anstehenden Tests.“
„Bravo, das freut mich zu hören. Kümmer dich um deine Schulaufgaben, mein Freund. Ich habe gestern die Gebühr für das nächste Semester überwiesen.“
„Ich weiß. Danke.“
Viktor markierte den Absatz gelb, fügte eine Notiz am Rand hinzu und speicherte die Änderungen. Das Gespräch zwischen ihnen spannte sich über die übliche Kluft – die von Menschen, die durch Blut verbunden, aber durch den Alltag getrennt waren. Seine freie Hand bewegte die Maus bereits zum nächsten Dokument. Er wartete darauf, dass der Junge die Frage nach dem neuen Handymodell oder der Konsole formulierte – dem wahrscheinlichen Grund für seinen Anruf.
„Du... du hast doch früher mit Computern gearbeitet? Bei der Polizei.“
Seine Finger erstarrten über der Tastatur. GDBOP. Cyberkriminalität. Antiterrorismus. Die Begriffe tauchten aus seinem Gedächtnis auf, begraben unter Schichten von Schweizer Gelassenheit. Viktor straffte den Rücken und lehnte sich langsam vom Schreibtisch zurück.
„Ja, meine Abteilung deckte verschiedene Bereiche ab. Warum fragst du?“
„Ein Mitschüler...“, Martins Stimme senkte sich und ging in ein angespanntes Flüstern über. Die Worte überschlugen sich, schnell und atemlos. „Es gibt da ein Problem. Er hat so einen USB-Stick gefunden. Sieht aus wie ein Hardware-Schlüssel für ein Videospiel. Aber wenn man ihn einsteckt, öffnet er sich nicht wie ein normaler Ordner. Er verlangt ein Passwort mit vielen Zeichen. Er fragt sich, ob das ein Virus ist.“
Viktor kniff die Augen vor dem Leuchten des Monitors zusammen. Die Details klangen zu spezifisch für bloße Neugier. Etwas in der Intonation des Jungen störte den Rhythmus des Abends.
Doch die Logik des Versicherungsermittlers gewann die Oberhand. Viktor drehte den Stuhl leicht und blickte auf das dunkle Wasser des Sees. Seine Lippen kräuselten sich zu einem nachsichtigen Lächeln. Teenager. Unbeschränkter Zugang zum Netz, zu viel Freizeit und null digitale Hygiene. Sie waren auf den nächsten Verschlüsselungstrojaner hereingefallen, der drohte, den Computer zu sperren und den Eltern den Suchverlauf offenzulegen. Jetzt schwitzten sie vor den Bildschirmen, verängstigt von den Konsequenzen.
Seine Finger griffen unbewusst an den Knoten seiner Krawatte.
„Marti.“
„Ja?“
Der Atem am anderen Ende war abgehackt.
„Sag deinem Mitschüler, er soll aufhören, sich jeden Müll aus dem Netz herunterzuladen.“
„Er ist nicht heruntergeladen! Der USB-Stick ist...“
„Es spielt keine Rolle, was es ist“, sagte Viktor mit gleichmäßiger und kategorischer Stimme, im selben Tonfall, mit dem er Forderungen in Millionenhöhe ablehnte. „Schadsoftware tarnt sich oft als Installationsdatei für Spiele. Diese Verschlüsselung zielt wahrscheinlich darauf ab, eure Festplatten zu sperren, um Kryptowährung von euch zu erpressen. Falls er das Netzwerkkabel angeschlossen hat, soll er es sofort abziehen.“
Schweigen. Weder ein Geräusch noch ein Atemzug.
„Hörst du mich?“
„Ja.“
„Versucht nicht, Passwörter einzugeben. Klickt auf nichts. Sag ihm, er soll das externe Speichermedium unverzüglich formatieren. Wenn er es weiter versucht oder das Gerät angeschlossen lässt, ist der Computer verloren. Hast du mich verstanden?“
Am anderen Ende der Leitung, tausende Kilometer entfernt, zerbrach leise etwas. Viktor konnte es unmöglich hören.
Er sah weder die geballten Fäuste noch das in Dunkelheit getauchte Sofioter Zimmer noch die vor Entsetzen geweiteten Augen des Jungen. Er hatte soeben begriffen, dass der einzige Erwachsene, dem sich anzuvertrauen er den Mut aufgebracht hatte, ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte.
„Löschen.“ Martins Stimme zitterte nicht mehr. Sie klang hohl. Leblos. „Verstanden.“
„Und passt auf, auf welchen Seiten ihr euch herumtreibt. Ihr seid schließlich keine zehn Jahre mehr alt.“
„In Ordnung. Ich richte es ihm aus. Entschuldige die Störung.“
„Du störst mich nicht. Grüß deine Mutter, wenn sie zurückkommt.“
„Werde ich machen. Gute Nacht.“
Die Verbindung brach mit einem abrupten Klicken ab.
Viktor nahm das Telefon vom Ohr. Er starrte einen Moment auf das schwarze Display, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und schüttelte den Kopf.
Die Probleme von Fünfzehnjährigen...
Er legte den Apparat mit dem Gesicht nach unten auf die Glasplatte und griff nach dem Kristallglas. Die Eiswürfel klirrten, als er die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem langen Zug austrank. Der Alkohol brannte auf seinem Gaumen.
Seine Finger legten sich wieder auf die Maus. Der Zeigefinger drehte das Scrollrad. Die Zahlenspalten glitten weiter nach oben und verschlangen seine Aufmerksamkeit, während die makellose Stille, untermalt vom Rhythmus des Jazz, erneut den Raum erfüllte.
Alles blieb unter Kontrolle. Das System funktionierte.
-- 2 --
Die Luft im Eckbüro von Aegis Global roch nach teurem Leder und konservativem Parfüm. Die Panoramafenster verwandelten Genf in eine lautlose Kulisse, und die Alpengipfel zerschnitten den Nachmittagshimmel – weiß, scharf und fern.
Viktor lehnte sich in seinem Sessel hinter dem massiven Schreibtisch aus dunklem Nussbaumholz zurück. Sein Blick folgte den Kolonnen aus Wahrscheinlichkeiten und Versicherungsprämien für einen Industriekomplex bei Basel. Risiko hatte seinen Preis. Ein Trauma ebenso. Alles lief auf mathematische Modelle hinaus, in denen die Statistik das Chaos zähmte.
Die silberne Uhr an seinem Handgelenk zählte die Sekunden. Ein Mausklick. Der Wechsel zum nächsten Absatz.
Das schwarze Rechteck des Telefons vibrierte auf der Tischplatte. Das Display zeigte den Namen „Martin“.
Viktor ließ die Maus los. Dienstagnachmittag. Es waren keine achtundvierzig Stunden seit dem letzten Anruf wegen irgendeines Computervirus vergangen. Damals war er in die Rolle des nachsichtigen Onkels geschlüpft und hatte ihn beruhigt. Was jetzt?
Er hob das Gerät an und glitt mit dem Daumen über das Glas.
„Ja, Martin.“
Stille.
Das war nicht das zögerliche Atmen eines Teenagers, der nach den richtigen Worten suchte. Durch den Lautsprecher drang das Zischen einer Lüftung und das Echo kahler Flächen. Tropfendes Wasser aus einem defekten Hahn. Eine Schultoilette während des Unterrichts. Und über all dem – ein flaches, stoßweises Luftholen. Die Lungen des Jungen lechzten nach Sauerstoff.
Viktor presste das Telefon ans Ohr.
„Marti. Was ist los?“
Ein heiseres Flüstern kratzte an der Membran:
„Onkel, hast du schon mal von einem Mann namens Ilija Kamenow gehört... dem Hirten?“
Seine Hand verharrte einige Millimeter vor dem Kristallglas mit Wasser. Die Alpen hinter der Scheibe verschwammen. Die Finger seiner linken Hand suchten den Krawattenknoten und umklammerten den Stoff.
Die Akte tauchte mit fotografischer Schärfe in seinem Bewusstsein auf. Ilija Kamenow. Rekrutiert vom Staatssicherheitsdienst noch als Kadett. Ein operativer Koordinator, der Anfang der Neunziger vom Radar verschwand, als das Geld die Ideologie begrub. Das Bindeglied zwischen Balkansyndikaten und paramilitärischen Verbänden. Ein Mann, der in der Lage war, jeden Körper spurlos in eine amorphe Masse zu verwandeln.
Die Schüler des Lyzeums „Galileo“ mit ihren elektronischen Schließfächern und hohen Sicherheitsgebühren durften den Schmutz dieses Universums nicht kennen. Diese beiden Realitäten durften sich nicht kreuzen. Niemals.
Viktor beugte sich vor. Seine Ellbogen bohrten sich in die harte Tischplatte. Die Rückenmuskeln spannten sich unter seiner Weste an. Etwas, das seit Jahren nicht mehr an die Oberfläche gedrungen war, erwachte ungefragt.
„Woher hast du diesen Namen?“ Seine Stimme wurde hart.
„Ich... ein Freund...“
„Lüg mich nicht an.“
Sein Griff um das Telefon wurde eisern. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.
„Deine Freunde wissen nicht, wer Ilija Kamenow ist. Niemand an deiner Schule sollte das wissen. Woher hast du von ihm gehört?“
Stille. Das Brummen des Ventilators in der Toilette verschluckte den Atem in der Hörmuschel.
„Wer hat dir diesen Namen genannt, Martin?“
Ein ersticktes Schluchzen. Der Junge verlor die Kontrolle.
„Ich frage dich, worin du da hineingeraten bist.“ Seine Worte schnitten und durchbrachen jede Verteidigung. „Wo bist du gerade?“
„In der Schule.“
„Bist du allein?“
„Ja.“
„Ist jemand vor der Tür?“
„Nein... ich weiß es nicht.“
Wenn der Name ausgesprochen wurde, ist Martin bereits in ihrer Reichweite. Wenn sie ihn gesehen haben, ist die Lage kritisch. Ich brauche alte Kontakte. Jemanden in Sofia, der mir noch einen Gefallen schuldet.
„Hör mir genau zu.“ Viktor holte ein Notizbuch aus der Schublade und klickte mit seinem Kugelschreiber. „Das ist wichtig. Verlass diese Toilette nicht, bis du deinen Atem unter Kontrolle hast. Sprich mit niemandem über diesen Mann. Und das Wichtigste... sag mir exakt, was los ist.“
Der Druck brach den Jungen. Martins Stimme zerfiel – sie wurde verzweifelt, kindlich, klein.
„Nichts... ich habe nur so gefragt... nichts.“
„Marti!“
„Ich muss auflegen.“
„Nicht auflegen!“
Ein Klicken.
Ein monotones Signal. Ein toter Ton.